Sie sind hier: Vereinsleben / Projekte
21.9.2017 : 1:28 : +0200

Migration und Mobilität – Für mehr Bewegung im sozialen Raum

Stand Dezember 2008

Dies ist der Titel eines Aktionsbündnisses aus Stadtteilarbeit, Sportverein und Sportwissenschaft in Oldenburg. Im April 2008 schlossen sich der Treffpunkt Gemeinwesenarbeit Bloherfelde / Eversten der Stadt Oldenburg (GWA), der Turn- und Sportverein Bloherfelde von 1906 e.V. (TuS) und das Institut für Sportwissenschaft der Carl von Ossietzky Universität zu einem Aktionsbündnis zusammen, um in Kooperation den Zugang zum Sport- und Gesundheitssystem für eine besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppe zu verbessern: Frauen mit Migrationshintergrund nutzen die Sport- und Gesundheitsangebote in unserer Gesellschaft bisher nur wenig.

Die Situation

In Deutschland gibt es einen immer größer werdenden Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Innerhalb Oldenburgs ist Bloherfelde der Stadtteil mit dem höchsten Ausländeranteil. Darüber, dass Integration nottut, sind sich alle einig. Und der Sport gilt gemeinhin als ein besonders geeignetes Feld dafür. Indessen gibt es zur Chancengleichheit im Sport bisher nur wenige verlässliche Erkenntnisse. Es spricht aber Vieles dafür, dass die gesundheitliche Situation gerade von Frauen aus anderen Ländern vergleichsweise schlecht ist. Um mehr über den Zusammenhang von sozialer und gesundheitlicher Benachteiligung bei Migrantinnen zu erfahren und ihr gleichzeitig  wirkungsvoll zu begegnen, haben die Bloherfelder Institutionen unter der Leitung der Uni Oldenburg ein Konzept entwickelt.

Die Förderung

Das Projekt wird – als eines von 25 Projekten bundesweit – vom Bundesministerium für Gesundheit im Rahmen der Förderinitiative „Gesunde Lebenswelten und Lebensstile“ gefördert. Seit August 2008 konzipiert das Bündnis in einer bis Februar 2009 dauernden Aufbauphase Sport- und Bewegungsangebote, die auf die objektiven Lebensbedingungen und die subjektiven Lebensstile der Adressatinnen abgestimmt sind. Diese Angebote können im Stadtteil wohnortnah durchgeführt werden.

Die Soziale Einbindung durch die Gemeinwesenarbeit

Die GWA ist für die Ansprache und Sensibilisierung der Zielgruppe verantwortlich. Dabei ist es von Vorteil, dass es dort bereits Frauengruppen gibt, in denen das Projekt vorgestellt werden kann und erste interessierte Frauen gefunden werden konnten. Ferner werden Gesundheitsfragen in bereits bestehenden Angeboten thematisiert (z.B. im Deutschkurs über gesunde Ernährung gesprochen). In einem offenen Gesundheitstreff werden die Adressatinnen auf die neuen Angebote hingewiesen und ermuntert, eigene Vorstellungen einzubringen, sowie Fragen zum bestehenden System zu stellen. Unterstützt wird die GWA dabei von einem lange im Stadtteil tätigen Arzt in Rente, der sein Fachwissen in ehrenamtlicher Tätigkeit den Bewohnerinnen zur Verfügung stellen möchte. In Arbeit ist darüber hinaus eine Liste mit Fachleuten aus der medizinischen und psychologischen Beratung und Therapie, die spezielle Mutter- bzw. Fremdsprachenkenntnisse ausweist.

Die sportliche Umsetzung durch den TuS Bloherfelde

Der TuS hat eigens für die Zielgruppe neue Angebote entwickelt, die den Wünschen der Frauen entgegenkommen. Das erste Angebot war die sogenannte Powergymnastik, bei der die Frauen ihre Kinder ebenfalls sportlich betreut wissen können, weil zeitgleich eine Kinderturnstunde stattfindet. In einer zweiten Fitness-Stunde liegt der Schwerpunkt auf Tanzen; die Frauen können die Musik selbst mitbringen. Seit Dezember 2008 gibt es ein Schwimmangebot, an dem alle weiblichen Mitglieder der TuS teilnehmen können. Dieses Angebot sowie das ab Januar startende Walking sind auf besonderen Wunsch der Migrantinnen eingerichtet worden. Sie belegen deren Interesse und Bedarf an Sportangeboten sehr deutlich.

Konzeption und Auswertung durch die Uni Oldenburg

Das Institut für Sportwissenschaft ist in Kooperation mit dem Zentrum für Methoden der Sozialwissenschaften für die Konzeption, Organisation und Auswertung des Projektes zuständig. Parallel zu allen neuen Angeboten werden die Teilnehmerinnen nach ihren Eindrücken befragt, um auf Änderungswünsche ggf. sofort eingehen zu können. Dabei stehen zur Kommunikationserleichterung Dolmetscher zur Verfügung. Alle drei Kooperationspartner befinden sich im ständigen Erfahrungsaustausch und profitieren so von den Stärken eines jeden Bündnispartners. War es anfangs noch schwer, Personen aus der Zielgruppe in diese Besprechungen einzubeziehen, sind nun auch diesbezüglich Hemmschwellen abgebaut worden, so dass die Mitwirkung der Zielgruppe an Auswertung und Neukonzeption gewährleistet ist.

Bisherige Erfolge und Erkenntnisse

Bei der Ausarbeitung der Sportangebote werden die vorhandenen Bewegungserfahrungen der Migrantinnen sowie deren zum Teil erheblich voneinander abweichenden Vorstellungen von Sport und Sporttreiben berücksichtigt. Sportkonzepte und -systeme sind kulturell geprägt und nicht immer miteinander vergleichbar. So ist der organisierte Vereinssport ein sehr deutsches Phänomen. Das Vereinswesen mit seiner formalen Mitgliedschaftsrolle, seinen Beitragszahlungen und typischen Gepflogenheiten ist vielen Teilnehmerinnen gänzlich unbekannt und bildet zum Teil auch ein Hindernis für deren Sportengagement. Es berücksichtigt beispielsweise nicht, dass für manche Frauen aus islamischen Ländern die Kleiderordnung sehr wichtig ist, sobald sie mit Männern zusammentreffen. Ein gemeinsames Sporttreiben von Frauen und Männern ist unter diesen Bedingungen nur eingeschränkt möglich. Gelöst worden ist das Problem zunächst, indem Angebote ausschließlich für Frauen in von außen nicht einsehbaren Räumen eingerichtet wurden.
Diese Angebote wurden überraschend gut angenommen, was auf einen hohen Bedarf hindeutet. Zunächst kamen Frauen, die bereits andere Angebote der GWA wahrnehmen und über relativ gute Deutschkenntnisse verfügen. Nach Ende der Ramadan-Zeit wurde ein spezieller Frauen-Sporttag für Migrantinnen zum Kennenlernen verschiedener Sportarten veranstaltet, an dem Frauen aus ganz Oldenburg teilnahmen. Offensichtlich wirkte neben gezielter Werbung in den Gemeinwesenzentren der Stadt auch die Mundpropaganda.
Deutlich wurden bei diesem Sporttag die Freude am Schwimmen und die Nachfrage nach einem dauerhaften Schwimmangebot. Als Motivation fürs Sporttreiben wurden hauptsächlich gesundheitliche Gründe sowie der Wunsch nach einer Formung des eigenen Körpers genannt. Aufgabe des Vereins ist es, dieses Interesse am Sporttreiben „auf Dauer zu stellen“ und die Freude daran aufrechtzuerhalten.
Als besondere Herausforderung hat sich die Kinderbetreuung während des Sports erwiesen. Die mitgebrachten Kinder sind im Alter von 1-12 Jahren und haben sehr unterschiedliche Sporterfahrungen und natürlich auch -bedürfnisse. Zudem ist die Raumfrage wichtig, da gerade kleine Kinder nicht weit entfernt von der Mutter untergebracht werden können. Hier war die Erwartungshaltung der Bündnispartner, dass die Kinder in der GWA betreut werden könnten, während die Frauen beim TuS Sport treiben, zu korrigieren.
Mit speziell auf die Adressatinnen zugeschnittenen Sportangeboten sollte anfänglich bewusst eine Art von „Schonraum“ geschaffen werden, um ein gegenseitiges Vertrauen und Verständnis aufzubauen. Für die Zukunft ist angestrebt, dass die Migrantinnen auch die bereits bestehenden Vereinsangebote nutzen. Interessant wird, ob die Organisationsformen klassischer Vereinsangebote dies zulassen, oder ob hier Veränderungen nötig werden.
Ein weiteres Ziel ist es, Übungsleiterinnen aus der Zielgruppe auszubilden, die dann wiederum besser auf die sportlichen Belange anderer Migrantinnen eingehen könnten. Die bestehenden Ausbildungsstrukturen der Sportverbände lassen sich nach bisherigen Erkenntnissen allerdings nur schwer mit den Lebensbedingungen der Migrantinnen vereinbaren, da sie i.d.R. nicht wohnortnah stattfinden und eine längere Abwesenheit von zu Hause erfordern.

Ausblick

In einer für März 2009 beantragten Durchführungsphase ist geplant, das erarbeitete Konzept auch auf andere Stadtteile in Oldenburg zu übertragen. Eine Zusammenarbeit der verschiedenen Sportvereine (neben dem TuS Bloherfelde beteiligen sich dann der DSC und BTB) ermöglicht dann vielleicht auch die Ausbildung von Übungsleiterinnen. Die Ausweitung des Aktionsbündnisses aus dem Stadtteil über die ganze Stadt kann ein wichtiger Integrationsbaustein für Oldenburg werden. Das erfordert die Beteiligung von Migrantenorganisationen und Institutionen aus Arbeit und Verwaltung. Insbesondere könnte ein starkes Engagement von Politikerinnen und Politikern die Nachhaltigkeit des Projektes sichern und die Stadt weiterhin lebenswert gestalten.

Weitere Infos zum Aktionsbündnis sind auf den Seiten der Uni Oldenburg zu finden